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Update: 08.05.2010

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Nachhaltige   Entwicklung    zwischen    Durchsatz   und   Symbolik

Leitbilder  der  ökonomischen  Konstruktion  ökologischer  Wirklichkeit  in  europäischen  Regionen

I. Nachhaltigkeit: Ein komplexes Konzept

II. Forschungsperspektive: Selbstverständliches hinterfragen

III. Problem: Ökologische Wirklichkeit und ökonomische Logik

IV. Vor Ort: Hamburg, Wien und Leipzig

V. Untersuchungsfelder in den Regionen

VI. Unsere Arbeitsweise



I. Nachhaltigkeit: Ein komplexes Konzept

Nachhaltigkeit soll die Maxime wirtschaftlicher, sozialer und ökologischer Entwicklung sein. Entscheidend dabei ist: Die einzelnen Entwicklungsziele sollen gleichgewichtig und nicht im Konflikt zueinander umgesetzt werden. Damit gibt Nachhaltigkeit als normatives Konzept nicht nur die Ziele vor, es definiert zugleich, wie eine nachhaltige Zukunft aussehen soll.

Theorie und Praxis
Was in der Theorie schlüssig erscheint, führt in der Praxis zu vielfältigen Problemen: Die Komplexität des Nachhaltigkeitsleitbildes sprengt nicht nur die herkömmlichen Grenzen der Ressortpolitik und der unterschiedlichen Wissenschaftsdisziplinen. Das Nachhaltigkeitskonzept trifft auch auf unterschiedliche Politikmodelle auf internationaler, nationaler, regionaler und lokaler Ebene.

Grundlegende Veränderungen sind nötig
In der Forschung wird zunehmend anerkannt, dass für eine nachhaltige Entwicklung grundlegende gesellschaftliche Veränderungsprozesse notwendig sind. Doch diese rühren stärker an bestehenden Grundverständnissen, als dies bisher akzeptiert wurde. Die gesellschaftliche Aufgabe lautet: Das Nachhaltigkeitsverständnis und damit das Verhältnis von Gesellschaft und Natur muss neu bestimmt werden.

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II. Forschungsperspektive: Selbstverständliches hinterfragen

Mit dem Forschungsprojekt NEDS wollen wir zu einer differenzierteren Betrachtung des Leitbildes Nachhaltigkeit beitragen, indem wir sowohl die Nachhaltigkeitsverständnisse in der Wissenschaft, wie auch in der regionalen und städtischen Nachhaltigkeitspolitik untersuchen.

Der Fokus unseres Forschungsvorhabens
Wir reflektieren die vorherrschenden Vorstellungen von Nachhaltigkeit. Denn sie bestimmen die Rahmenbedingungen für Umsetzungspotenziale und Konfliktfelder einer nachhaltigen Entwicklung und damit den Erfolg der Implementierung von Nachhaltigkeitszielen. Außerdem identifizieren wir die diskursmächtigen Akteure für die Formulierung der Leitbilder nachhaltiger Stadt- und Regionalentwicklung in Beispielregionen.

Wir gehen dabei von folgenden forschungsleitenden Thesen aus:
- Lösungsvorschläge für eine nachhaltige Entwicklung sind das Ergebnis von wissenschaftlichen Erkenntnissen und politischen Aushandlungsprozessen. Die benannten Problemstellungen einer nachhaltigen Entwicklung sind daher nicht als „selbst-verständlich" zu verstehen.

- Nachhaltigkeit ist das Ergebnis gesellschaftlicher Konstruktionsprozesse, die in Nachhaltigkeitsdiskursen gebunden sind. Sie sind von einem (dichotomen) Gesellschaft-Natur-Verhältnis geprägt, das an eine ökonomische Logik gekoppelt ist.

Symbolische und materielle Dimension „zusammen-denken"
Um die Selbst-Verständlichkeiten von Nachhaltigkeit reflektieren zu können, betrachten wir die symbolische und die materielle Dimension nachhaltiger Entwicklung zunächst analytisch getrennt voneinander. Damit möchten wir zu Aussagen über die Wechselbeziehungen dieser Dimensionen kommen.
Der Projekttitel „Nachhaltige Entwicklung zwischen Durchsatz und Symbolik" steht für diese Zielsetzung des Forschungsprojektes. Dabei wird ein Brückenschlag geleistet von der Auseinandersetzung damit, wie die Natur-, Technik- und Wirtschaftswissenschaften zur Entstehung diskursprägender Selbstverständlichkeiten beitragen, hin zu konkreten Nachhaltigkeitspolitiken in europäischen Regionen. Der Projektuntertitel „Leitbilder der ökonomischen Konstruktion ökologischer Wirklichkeit in europäischen Regionen" verweist auf die Konkretisierung unserer Forschungsperspektive für Fragen nachhaltiger Stadt- und Regionalentwicklung.

Beitrag zu einem differenzierten Verständnis von Nachhaltigkeit
Wir fragen: Wie hängen Wissenschaft und Politik zusammen? Wie stellen wir uns eigentlich „Natur" vor und welche Effekte hat dies für den gesellschaftlichen Zugriff auf die Umwelt? Welche Bedeutung hat „Wachstum" in den Köpfen der handelnden Akteure, wenn sie über nachhaltige Entwicklung reden? Wodurch wird das wissenschaftliche, gesellschaftliche und politische Verständnis von Nachhaltigkeit geprägt? Welche Bedeutung haben diese Nachhaltigkeitsverständnisse zum Beispiel bei der Umsetzung einer nachhaltigen Siedlungsentwicklung?
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III. Problem: Ökologische Wirklichkeit und ökonomische Logik

Tragfähigkeitsgrenzen, Wachstum, Effizienz – wer die Nachhaltigkeitsdebatte verfolgt, begegnet diesen und einer Vielzahl ähnlicher Begriffe immer wieder. Eins haben sie gemeinsam: Sie betrachten „Umwelt" und „Natur" vor allem aus Sicht der so genannten „exakten Wissenschaften" und privilegieren damit einen eher quantitativen Begriff von Nachhaltigkeit, der sich auf den Umgang mit natürlichen „Ressourcen" bezieht und die Schonung, Nutzung, Optimierung oder technische Substitution von Natur und Umwelt bezeichnet.

Ökonomik und Umweltwissenschaften als Stichwortgeberinnen
Inwieweit die gesellschaftlich akzeptierten Naturbilder der Natur-, Technik- und Wirtschaftswissenschaften aber die ökologische Wirklichkeit erst herstellen, auf die sie sich beziehen, wird im Alltags- und politischen Handeln kaum reflektiert. Die im Wissenschaftsdiskurs entworfenen Naturbilder definieren, was wir als nachhaltig erachten. Sie werden in der Auseinandersetzung über Entwicklungsziele und -wege aufgerufen und politisch funktionalisiert.

Vernachlässigung der symbolischen Dimension
„Natur" ist immer auch eine Repräsentation von Gesellschaft-Natur-Verhältnissen, die Natur erst als knappe Ressource, als handelbar, gestaltbar und verfügbar erscheinen lassen. Doch diese „symbolische" Dimen
sion von Nachhaltigkeit wird gegenüber der „materiellen" Dimension der „wissenschaftlichen Tatsachen" nicht hinreichend berücksichtigt. Und das hat weit reichende Konsequenzen. Denn die Bedeutung der „ökonomischen Konstruktion der ökologischen Wirklichkeit" geht über wirtschaftliche Zusammenhänge im engeren Sinne weit hinaus.

Grenzen des Diskurses
Die Natur- und Umweltwissenschaften konzipieren durch die von ihnen produzierten „Tatsachen" nicht nur das, was als „Umweltproblem" und „ökologische Krise" diskutiert wird. Sie geben durch spezifische Formulierungen auch vor, in welchen Handlungsfeldern nach Lösungen gesucht werden soll. Sie leisten damit tendenziell den technischen und marktwirtschaftlichen Lösungen in der Nachhaltigkeitsdebatte Vorschub gegenüber anderen möglichen Ansätzen.

Diskursanalyse
Im Forschungsprojekt NEDS verfolgen wir einen diskursanalytischen Zugang, mit dem wir sprachlich oder visuell verfasste Konzepte herausarbeiten, die in der Ökonomik und den Natur- und Technikwissenschaften gegenwärtig dominieren. Die „Arbeit an Begriffen" ist für diesen Ansatz von zentraler Bedeutung. Begriffe wie „Umwelt", „Ressource", „Wachstum" und „Effizienz" werden in ihren symbolischen und materiellen Kontexten analysiert und verortet (vgl.
Working Paper 1).
Meilensteine der Nachhaltigkeitsdebatte, wie zum Beispiel der Brundtland-Bericht oder die Studie „Zukunftsfähiges Deutschland", sowie für das heutige Nachhaltigkeitsverständnis relevante wissenschaftliche Diskurse stehen im Vordergrund unserer Diskursanalyse
(vgl.
Working Paper 5).
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IV. Vor Ort: Hamburg, Wien und Leipzig

Als Umsetzungsebene nachhaltiger Entwicklung steht bei uns die städtisch-lokale und regionale Ebene im Vordergrund. Daher hat NEDS als Untersuchungskontext drei Regionen ausgewählt: die Metropolregionen Hamburg und Wien und die Region Südraum Leipzig. Diese wurden mittels einer von uns durchgeführten Typisierung europäischer Nachhaltigkeitsregionen (vgl.
Working Paper 4)  verschiedenen „Innovationstypen nachhaltiger Entwicklung" zugeordnet.

 Untersuchungsregionen

Stadt- und Regionalanalysen

Die ausgewählten Regionen haben sich in Länderwettbewerben daran beteiligt, Konzepte und Strategien für eine nachhaltige Regionalentwicklung vorzulegen. Diese sind der Ausgangspunkt für unsere Analysen zu Akteursnetzwerken und konkurrierenden Leitbildern der Stadt- und Regionalpolitik sowie zur Identifizierung dominierender Nachhaltigkeitsverständnisse in diesen Regionen. Die daraus gewonnenen Ergebnisse werden in Bezug gesetzt zu unseren Analysen von regionalen Materialflüssen und von regionalen Flächennutzungsmustern seit Anfang der 1990er Jahre.

Strukturvergleich
Gleichzeitig haben wir Regionen auswählt, die Aussagen zu unterschiedlichen strukturellen Ausprägungen zulassen. Durch die Untersuchung der Metropolregionen Hamburg und Wien erwarten wir Erkenntnisse zu den Potenzialen einer nachhaltigen Entwicklung in wachstumsorientierten Ballungsräumen. Der Vergleich dieser beiden Metropolregionen lässt zudem Aussagen über den Einfluss nationaler Politiken auf regionale Steuerungsprozesse nachhaltiger Entwicklung zu.
Die Region Südraum Leipzig ist stark von demographischen Schrumpfungsprozessen und den Aufgaben eines gravierenden wirtschaftlichen Strukturwandels betroffen. Welche Rollen unterschiedliche Strukturmerkmale für die Ausrichtung nachhaltiger Entwicklung spielen, soll die Gegenüberstellung der drei Untersuchungsregionen zeigen.
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V. Untersuchungsfelder in den Regionen

Nachhaltigkeitsdiskurse: Welche Verständnisse setzen sich durch?
In unseren drei Untersuchungsregionen gehen wir der Frage nach, wie Nachhaltigkeitsdiskurse seit Anfang der 1990er Jahre im Kontext von Leitbildern der Regionalentwicklung verlaufen sind. Daraus lassen sich Aussagen zu den Spannungsfeldern ableiten, die die Aushandlungsprozesse und Konflikte lokaler Nachhaltigkeitspolitik bestimmen. Für eine nachhaltige Regionalentwicklung konkurrieren Vorstellungen einer zu bewahrenden Natur mit den Vorstellungen einer produktiven Natur. Welche Diskurse in der Regionalpolitik steuerungsmächtig werden können, hängt u. E. davon ab, inwieweit sie sich an andere diskursmächtige Konzepte koppeln lassen, wie z. B. einem „Sicherheitsdiskurs" oder „Wachstumsdiskurs".

Konkurrierende Leitbilder: Was bestimmt die Richtung?
Mit der Netzwerk- und Leitbildanalyse zeichnen wir nach, wie verschiedene Akteure im Prozess städtischer und nachhaltigkeitsorientierter Politik agieren und sich dabei an Leitbildern orientieren, selbst Leitbilder produzieren oder sich ihnen gegenüber verschließen.
Wir fragen AkteurInnen vor Ort nach ihren Sichtweisen: Welche Möglichkeiten und Grenzen sehen VertreterInnen aus Verwaltung, Politik und Nichtregierungsorganisationen im Hinblick auf die Umsetzung von Nachhaltigkeit? Welche Rolle spielen wissenschaftliche Beiträge zum Thema Nachhaltigkeit in den städtischen politischen Prozessen? Wie wird die Agenda 21 als Instrument zur politischen Steuerung nachhaltiger Stadtentwicklung beurteilt?

Materialflüsse: Wie verändert sich der Ressourcenverbrauch?
In Kooperation mit dem Wiener Sustainable Europe Research Institute (SERI) erarbeiten wir regionale Materialflussanalysen für unsere drei Untersuchungsregionen. Dazu haben wir ein explizit quantitatives Verfahren gewählt, mit dem wir Aussagen über die Umweltfolgen von Regionalentwicklung machen können – zum Beispiel, wie sich die Zu- und Abflüsse (der „Durchsatz") von Rohstoffen, Halb- und Fertigprodukten in eine Region hinein und aus ihr heraus entwickelt haben (vgl.
Working Paper 2). Ziel ist eine Abbildung der Menge an Material und Energie, die im Untersuchungszeitraum in einer Region umgeschlagen wird und damit die Ermittlung der materiellen Dimension sozioökonomischer Entwicklung. Für Hamburg wurden erste Ergebnisse bereits präsentiert.

Flächennutzung: Welche Interessen setzen sich durch?
Die Flächeninanspruchnahme für Siedlungszwecke gilt derzeit als einer der zentralen Handlungsschwerpunkte für eine nachhaltige Entwicklung. Mit Hilfe geographischer Informationssysteme (GIS) führen wir daher eine Bestandsaufnahme und Analyse des regionalen Flächenverbrauchs für unseren Untersuchungszeitraum von 1990 bis 2002 durch.
Damit werden wir Aussagen über die intraregionale Verteilung der Ressource „Fläche" sowie über Nutzungsveränderungen und potenzielle Nutzungskonflikte in den Untersuchungsregionen machen können. Zudem wollen wir nachzeichnen, inwieweit sich Prinzipien einer nachhaltigen Entwicklung (Innenverdichtung, Grünzonen etc.) in der Regionalentwicklung erkennen lassen.
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VI. Unsere Arbeitsweise

Inter- und transdisziplinäre Forschungspraxis
Für uns bedeutet Inter- und Transdisziplinarität: Wir wenden relevante Disziplinen, Ansätze und Methoden nicht nur an; wir reflektieren und entwickeln sie im Forschungsprojekt weiter. Wir setzen die Ergebnisse unserer unterschiedlichen Analysen zueinander in Beziehung und diskutieren diese mit WissenschaftlerInnen wie regionalen Akteuren, um differenzierte Antworten zu den angesprochenen Fragen geben zu können, die sowohl auf symbolische wie materielle Aspekte des Leitbildes Nachhaltigkeit zielen. Ziel der interdisziplinären Zusammenarbeit ist es, die unterschiedlichen analytischen Zugänge zu unserem Untersuchungsfeld zu verbinden und die Ergebnisse zu einer Synthese führen zu können. Dabei verstehen wir uns explizit als ein „lernendes Projekt" (vgl.
Working Paper 3).

Enger Kontakt zu regionalen Akteuren
Mit unserer Arbeit leisten wir nicht nur einen Beitrag für die Nachhaltigkeitsforschung, sondern auch für die Konzeption nachhaltiger Entwicklung auf der regionalen Ebene. Auf die Kommunikation mit regionalen Akteuren aus Politik, Verwaltung und Zivilgesellschaft legen wir besonderen Wert. Dies kommt vor allem im Rahmen der Netzwerkanalysen zum Tragen: Wir wollen im Austausch mit AkteurInnen vor Ort herausarbeiten, wie Versuche politischer Steuerung von Nachhaltigkeit „funktionieren" und welche Rolle Netzwerke, Institutionen und Akteure dabei spielen. Die Ergebnisse der einzelnen Analyseschritte stellen wir in unseren Untersuchungsregionen zur Diskussion.

Wissenschaftliches Netzwerk
Das Forschungsprojekt ist eng in die Hamburger Hochschullandschaft eingebunden. Wir stehen im intensiven Austausch mit anderen WissenschaftlerInnen vor Ort und wollen mit NachwuchswissenschaftlerInnen ins Gespräch kommen. Hierzu veranstalten und beteiligen wir uns an wissenschaftlichen Tagungen zu Fragen nachhaltiger Entwicklung und Stadtforschung. Zu diesem Zweck haben wir ein interdisziplinäres Promotions- und Habilitationskolloquium ins Leben gerufen.
Zur kritischen Begleitung des Forschungsprozesses existiert außerdem eine interdisziplinäre Mentoring-Gruppe.

Sozialökologische Forschung
Wir sind Teil des neuen Förderschwerpunktes „Sozial-ökologische Forschung" (SÖF) des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF). NEDS beteiligt sich in diesem Rahmen an verschiedenen Vernetzungsaktivitäten innerhalb der sozial-ökologischen Forschung und leistet wissenschaftliche Beiträge in den Querschnittsgruppen „Gender", „Ökonomik", „Theoriearbeit", „Praxisintegration" und „Steuerung und Transformation".
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